Geringqualifizierte - eine unterschätzte Ressource
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Jenseits der Zertifikate: Das unterschätzte Potenzial formal Unqualifizierter
Im IAB-Forum erschien am 8. Januar 2026 ein Beitrag von Carola Burkert, Britta Matthes und Annette Röhrig zum Thema Geringqualifizierte auf dem Arbeitsmarkt. Wir empfehlen diesen Artikel zur Lektüre und fassen ihn hier kurz zusammen.
Kernthese des Artikels
Der Artikel plädiert dafür, »Geringqualifizierte« nicht länger als defizitäre Gruppe wahrzunehmen, sondern als zentrales Potenzial zur Deckung des Fachkräftemangels. Die Autorinnen argumentieren, dass formale Abschlüsse oft nicht die tatsächlichen Kompetenzen widerspiegeln und dass passgenaue, modulare Qualifizierungen notwendig sind, um dieses Potenzial zu heben.
Zentrale Argumente und Befunde
A. Heterogenität der Zielgruppe
- Definitionsproblem: »Geringqualifiziert« bedeutet lediglich das Fehlen eines formalen Berufs- oder Hochschulabschlusses. Es sagt nichts über die tatsächlichen Fähigkeiten aus.
- Kompetenz-Check (PIAAC-Studie): Die Gruppe ist extrem vielfältig. Während ein Teil Unterstützung bei Grundkompetenzen (z. B. Alphabetisierung) benötigt, verfügt über die Hälfte der Geringqualifizierten mit Abitur über hohe oder sehr hohe Lesekompetenzen.
B. Diskrepanz zwischen Abschluss und Tätigkeit
- Anforderungsniveau: Entgegen dem Klischee arbeiten nur 43 Prozent der Geringqualifizierten in Helferberufen.
- »Stille Fachkräfte«: Über 55 Prozent sind in Fachkraft-, Spezialisten- oder Expertenberufen tätig. Sie verfügen also über informell erworbene Kompetenzen, die jedoch nicht zertifiziert sind.
- Nachteile: Ohne formale Zertifikate erhalten diese Personen oft geringere Löhne und haben ein höheres Risiko bei Betriebswechseln.
C. Barrieren bei der Weiterbildung
- Mangelnde Passgenauigkeit: Viele Angebote setzen zu niedrig an (vermitteln bereits vorhandenes Wissen), was zu Frust führt.
- Betriebliches Angebot: Geringqualifizierte nutzen Weiterbildung fast so oft wie Hochqualifizierte – wenn sie ein Angebot erhalten. Das Problem liegt darin, dass Betriebe ihnen seltener Angebote unterbreiten.

Lösungsansätze und Handlungsempfehlungen
Die Autorinnen schlagen eine Neuausrichtung der Qualifizierungspolitik vor:
- Validierung informeller Kompetenzen: Entwicklung unkomplizierter Verfahren, um vorhandene Fähigkeiten sichtbar zu machen und zu zertifizieren.
- Modularisierung: Aufbrechen klassischer Ausbildungsordnungen in Teilqualifizierungen. Dies ermöglicht es, schrittweise und berufsbegleitend einen vollwertigen Abschluss zu erwerben.
- Unterstützung für KMU: Kleine und mittlere Unternehmen benötigen Beratung, um das Potenzial in der eigenen Belegschaft zu erkennen und gezielte Personalentwicklung zu betreiben.
- Digitale Lernbegleiter: Einsatz von digitalen Assistenzsystemen und individuellen Lernwerkstätten, um das Lernen direkt am Arbeitsplatz zu fördern.
Fazit und kritische Würdigung
Der Beitrag im IAB-Forum liefert eine empirisch fundierte Gegendarstellung zum gängigen Narrativ der »bildungsfernen Schichten«. Besonders wertvoll ist die statistische Unterlegung, dass ein Großteil dieser Gruppe bereits auf Fachkraftniveau arbeitet.
Resümee: Der Text ist ein dringender Appell an Politik und Wirtschaft, das starre deutsche Zertifizierungssystem zu flexibilisieren. Nur wenn informelles Wissen anerkannt und Weiterbildung modularisiert wird, kann die »unterschätzte Ressource« effektiv zur Fachkräftesicherung beitragen.
VERWEISE
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