Muttersprache als Kontinuum

Daniela LotzenQUELLE: AutorinEin Beitrag aus unserer »Standpunkte«-Reihe von Daniela Lotzen.

Wer eine Fremdsprache lernt, wird früher oder später gefragt, welches Niveau er erreicht hat. Kann er sich im Alltag verständigen, komplexe Sachverhalte erläutern oder in einer kontroversen Diskussion überzeugend argumentieren? Dass sich diese Fähigkeiten entwickeln und mit neuen Anforderungen verändern, erscheint selbstverständlich.

Bei der Muttersprache stellen wir solche Fragen seltener. Wer mit Deutsch aufgewachsen ist, spricht Deutsch. Die Feststellung beschreibt seine sprachliche Herkunft. Welche Aufgaben er in dieser Sprache bewältigen kann, bleibt damit jedoch weitgehend offen.

Im Alltag fällt dieser Unterschied kaum auf. Sobald Menschen neue berufliche Verantwortung übernehmen, gewinnt er allerdings an Bedeutung. Wir betrachten fachliche Kompetenz als entwicklungsfähig und investieren selbstverständlich in ihre Erweiterung. Warum behandeln wir sprachliche Kompetenz dagegen so häufig als bereits vorhandene Voraussetzung?

Wenn vertraute Sprache auf neue Aufgaben trifft

Eine erfahrene Fachkraft übernimmt die Leitung eines Teams. Ihr fachliches Wissen steht außer Frage. Dennoch muss sie plötzlich Gespräche führen, für die ihre bisherige Tätigkeit wenig Gelegenheit bot: Erwartungen formulieren, unterschiedliche Interessen berücksichtigen, Kritik aussprechen und Entscheidungen gegenüber Mitarbeitern vertreten.

Ein anderer Mitarbeiter wechselt in eine beratende Funktion. Er kennt sein Fachgebiet, muss komplexe Zusammenhänge nun aber Menschen erklären, die weder über dieselben Vorkenntnisse verfügen noch dieselben Fragen stellen.

Beide beherrschen ihre Muttersprache. Verändert haben sich die Anforderungen an deren Verwendung.

Damit wird eine Unterscheidung sichtbar, die für die Weiterbildung grundlegend ist: Sprachbiografie und sprachliche Handlungsfähigkeit sind nicht identisch.

Die Bezeichnung „Muttersprachler“ beschreibt, unter welchen Bedingungen ein Mensch eine Sprache erworben hat. Sie garantiert weder die Beherrschung sämtlicher sprachlicher Register noch die Fähigkeit, jede kommunikative Aufgabe angemessen zu bewältigen.

Umgekehrt können Menschen, die Deutsch erst später gelernt haben, in bestimmten beruflichen Situationen über eine ausgeprägte sprachliche Souveränität verfügen. Fachliche Erfahrung, Vertrautheit mit Gesprächsformen und die Fähigkeit, unterschiedliche Perspektiven einzubeziehen, sind nicht allein vom Zeitpunkt des Spracherwerbs abhängig.

Wer sprachliche Kompetenz beurteilen möchte, muss deshalb genauer fragen, worin sie sich in einer konkreten Situation zeigt.

Daraus ergibt sich mein Verständnis von „Muttersprache als Kontinuum“. Gemeint ist keine Rangordnung, auf der Menschen eine möglichst hohe Stufe sprachlicher Perfektion erreichen sollen. Vielmehr geht es um die Offenheit sprachlicher Entwicklung: Auch in einer seit Kindheit vertrauten Sprache entstehen mit neuen Aufgaben zusätzliche Anforderungen und Handlungsmöglichkeiten.

Diese Entwicklung verläuft weder zwangsläufig linear noch in allen Bereichen gleichzeitig. Wer präzise Fachtexte verfassen kann, muss deshalb noch keine schwierigen Mitarbeitergespräche führen können. Und wer überzeugend argumentiert, verfügt nicht automatisch über die Fähigkeit, komplizierte Zusammenhänge allgemeinverständlich darzustellen.

Eine Sprache zu beherrschen, bedeutet folglich nicht, sämtliche Möglichkeiten ihres Gebrauchs bereits ausgeschöpft zu haben.

Was ein Satz bewirken kann

Wie bedeutsam sprachliche Entscheidungen sind, zeigt sich bereits in einer alltäglichen Situation.

Eine Führungskraft möchte die Leistung eines Mitarbeiters anerkennen. Sie sagt: „Das haben Sie gut gemacht.“

Der Satz ist korrekt, verständlich und kann aufrichtige Wertschätzung ausdrücken. Eine andere Möglichkeit wäre: „Ihre Vorbereitung hat dazu beigetragen, dass wir heute eine fundierte Entscheidung treffen konnten.“

Beide Äußerungen sind Lob. Die zweite benennt jedoch zusätzlich, worin die Leistung bestand und welche Bedeutung sie für die gemeinsame Arbeit hatte.

Daraus folgt nicht, dass ausführliches Lob grundsätzlich besser wäre. Ein kurzer Satz kann genau die Anerkennung ausdrücken, die eine Situation verlangt. Entscheidend ist, ob jemand unterschiedliche sprachliche Möglichkeiten erkennt und bewusst zwischen ihnen wählen kann.

Ähnliches gilt für den Widerspruch.

„Sie irren sich.“

Diese Formulierung ist eindeutig. Sie kann notwendig sein, wenn eine falsche Behauptung unmissverständlich zurückgewiesen werden muss.

„Könnte es sein, dass wir von unterschiedlichen Voraussetzungen ausgehen?“

Hier wird eine abweichende Einschätzung anders zur Sprache gebracht. Der Konjunktiv II ermöglicht es, eine alternative Deutung anzubieten, ohne dem Gesprächspartner unmittelbar einen Irrtum zuzuschreiben.

Der Unterschied erschöpft sich nicht in einer Höflichkeitsregel. Die beiden Formulierungen eröffnen unterschiedliche Möglichkeiten, ein Gespräch fortzuführen.

Allerdings macht der Konjunktiv eine Äußerung nicht automatisch diplomatisch. Auch eine vorsichtig formulierte Frage kann herablassend wirken. Ebenso kann ein direkter Widerspruch Ausdruck notwendiger Klarheit sein. Welche Form angemessen ist, hängt vom Anlass, von der Beziehung zwischen den Beteiligten und vom Ziel des Gesprächs ab.

Gerade deshalb genügt es nicht, eine grammatische Form zu kennen. Entscheidend ist, beurteilen zu können, welche sprachliche Handlung mit ihr vollzogen wird.

Das gilt auch für weniger auffällige sprachliche Mittel. Zwischen „Das ist die Ursache“ und „Das könnte eine Ursache sein“ liegt ein Unterschied im Geltungsanspruch der Aussage. Wer formuliert „Zwar bestätigt die Untersuchung den Befund, die vorgeschlagene Erklärung lässt sich daraus jedoch nicht zwingend ableiten“, trennt ausdrücklich zwischen Beobachtung und Interpretation.

Solche Unterscheidungen sind keine bloßen Fragen sprachlicher Eleganz. Sie ermöglichen es, die Reichweite einer Aussage kenntlich zu machen, Einwände einzugrenzen und unterschiedliche Positionen nachvollziehbar aufeinander zu beziehen.

Differenzierte Sprache führt deshalb nicht automatisch zu differenziertem Denken. Sprachliche Gewandtheit kann ebenso zur Verschleierung wie zur Klärung eingesetzt werden. Doch wer Unterschiede präzise ausdrücken möchte, benötigt dafür entsprechende sprachliche Mittel.

Und diese lassen sich auch dann noch bewusster erschließen, wenn die betreffende Sprache seit Jahrzehnten verwendet wird.

Mehr als ein weiteres Kommunikationstraining

An dieser Stelle liegt ein naheliegender Einwand: Werden solche Fähigkeiten nicht längst in Rhetorikseminaren, Führungskräftetrainings und Angeboten zur Gesprächsführung vermittelt?

Durchaus. Viele dieser Angebote befassen sich mit konstruktiver Kritik, wertschätzendem Feedback oder dem Umgang mit Konflikten. Es wäre weder sachgerecht noch sinnvoll, diese Arbeit zu übergehen.

Eine sprachbildende Perspektive kann sie jedoch um einen eigenen Gegenstand ergänzen.

Während Kommunikationstrainings unter anderem Gesprächsstrategien, Verhaltensweisen und zwischenmenschliche Beziehungen betrachten, richtet die sprachbildende Perspektive den Blick ausdrücklich auf die sprachlichen Mittel selbst: Wie verändert eine Einschränkung den Geltungsanspruch einer Aussage? Welche Möglichkeiten eröffnet der Konjunktiv? Was geschieht, wenn eine Beobachtung ausdrücklich von ihrer Bewertung getrennt wird? Wie lassen sich Zustimmung und Widerspruch auf unterschiedliche Teile einer Argumentation beziehen?

Dabei geht es nicht darum, möglichst komplizierte Sätze zu bilden oder diplomatische Formeln auswendig zu lernen. Vielmehr sollen Menschen erkennen, welche Bedeutungsunterschiede sie mit vertrauten sprachlichen Mitteln ausdrücken können.

Auch Modalverben, Modalpartikeln und Satzverknüpfungen können dabei eine Rolle spielen. Ob jemand sagt „Sie müssen das ändern“, „Sie sollten das ändern“ oder „Wir könnten prüfen, was sich ändern lässt“, ist nicht allein eine grammatische Variation. Die Äußerungen unterscheiden sich hinsichtlich Verbindlichkeit, Verantwortungszuweisung und Gesprächsangebot.

Keine dieser Formen ist grundsätzlich überlegen. Gerade ihre situationsangemessene Auswahl gehört zur sprachlichen Handlungsfähigkeit.

Anspruchsvolle Kommunikationstrainings können solche Unterschiede bereits berücksichtigen. Die vorgeschlagene Erweiterung besteht deshalb nicht in der Erfindung einer neuen Disziplin, sondern darin, sprachliche Entscheidungen systematisch sichtbar und reflektierbar zu machen.

Das ist besonders dort relevant, wo Beschäftigte über sichere sprachliche Routinen verfügen, für neue Aufgaben jedoch zusätzliche Ausdrucksmöglichkeiten benötigen.

Wenn viel gesprochen, aber wenig entschieden wird

Wer kennt sie nicht, jene Besprechungen, die länger dauern als vorgesehen? Argumente werden wiederholt, Einwände mehrfach vorgetragen, neue Gesichtspunkte kommen hinzu. Am Ende haben alle viel gesprochen. Doch was wurde eigentlich entschieden? Welche Fragen sind noch offen, und wer übernimmt die nächsten Schritte?

Die aufgewendete Zeit lässt sich nicht zurückholen. Besonders ärgerlich wird es, wenn dieselben Fragen in der nächsten Besprechung erneut auf der Tagesordnung stehen, weil beim ersten Mal keine gemeinsame Klärung erreicht wurde.

Natürlich sind lange Besprechungen nicht grundsätzlich schlechte Besprechungen. Komplexe Sachverhalte und unterschiedliche Interessen benötigen mitunter Zeit. Ebenso wenig lassen sich unklare Zuständigkeiten, fehlende Entscheidungsbefugnisse oder organisatorische Versäumnisse durch geschickte Formulierungen beheben.

Doch neben diesen Faktoren verdient eine Frage mehr Aufmerksamkeit: Wie tragen die Beteiligten sprachlich dazu bei, dass aus unterschiedlichen Beiträgen ein gemeinsames Ergebnis entsteht?

Wer einen Einwand präzise auf den strittigen Punkt begrenzt, kann verhindern, dass eine bereits geklärte Frage erneut diskutiert wird. Wer zwischen gesicherten Informationen, persönlichen Einschätzungen und offenen Fragen unterscheidet, erleichtert die Verständigung darüber, was tatsächlich entschieden werden kann. Und wer am Ende einer Diskussion das Ergebnis so zusammenfasst, dass Einvernehmen, Dissens und nächste Schritte erkennbar bleiben, schafft eine Grundlage für verbindliches Handeln.

Das sind keine außergewöhnlichen rhetorischen Leistungen. Es sind sprachliche Fähigkeiten, die sich auch bei erfahrenen Beschäftigten weiterentwickeln lassen.

Für die Personalentwicklung ergibt sich daraus eine praktische Konsequenz. Wer die Qualität von Besprechungen verbessern möchte, sollte nicht ausschließlich an Tagesordnungen, Moderation und Zeitmanagement ansetzen. Ebenso lohnt sich die Frage, wie Beschäftigte darin unterstützt werden können, ihre Beiträge nachvollziehbar einzuordnen, Unterschiede präzise zu benennen und Ergebnisse verbindlich festzuhalten.

Der mögliche Nutzen ließe sich im Arbeitsalltag beobachten: Werden bereits geklärte Fragen seltener erneut aufgerufen? Bleibt nach einer Besprechung weniger Interpretationsspielraum darüber, was vereinbart wurde? Lassen sich dadurch unnötige Abstimmungsschleifen vermeiden?

Kürzere Besprechungen wären ein möglicher Gewinn, aber kein Selbstzweck. Entscheidend ist, ob die aufgewendete Zeit zu einer tragfähigen Klärung führt.

Denn nicht die Menge des Gesagten entscheidet über den Wert einer Besprechung, sondern was die Beteiligten anschließend gemeinsam damit anfangen können.

Sprachbildung ohne Defizitdiagnose

Damit verändert sich zugleich die Vorstellung davon, wann sprachliche Weiterbildung sinnvoll ist.

Sprachförderung wird häufig mit dem Ausgleich fehlender Kenntnisse verbunden. Diese Aufgabe ist unverzichtbar, wenn Menschen sprachliche Voraussetzungen für Ausbildung, Beruf oder gesellschaftliche Teilhabe erwerben müssen.

Sie beschreibt jedoch nur einen Teil dessen, was Sprachbildung leisten kann.

Eine erfahrene Führungskraft nimmt schließlich nicht notwendigerweise deshalb an einer Fortbildung teil, weil sie bisher schlecht geführt hat. Sie kann ihre Fähigkeiten weiterentwickeln, um neue Herausforderungen zu bewältigen oder ihr bisheriges Handeln bewusster zu gestalten.

Warum sollte für die sprachliche Kompetenz etwas anderes gelten?

Auch wer sich sicher verständigt, kann lernen, einen Einwand präziser einzugrenzen, unterschiedliche Deutungen deutlicher voneinander zu unterscheiden oder komplexes Wissen für andere verständlicher aufzubereiten.

Dafür braucht es weder eine pauschale Defizitdiagnose noch die Vorstellung einer sprachlichen Perfektion, die alle erreichen müssten.

Die entscheidende Frage lautet vielmehr, ob sich die vorhandenen sprachlichen Handlungsmöglichkeiten für eine bestimmte Aufgabe sinnvoll erweitern lassen.

Sprachbildung wird damit nicht erst relevant, wenn Verständigung misslingt. Sie kann bereits dort ansetzen, wo Menschen erfolgreich handeln, ihre Aufgaben aber anspruchsvoller werden.

Was die Weiterbildung daraus machen kann

Ein entsprechendes Weiterbildungsangebot müsste nicht mit einer Wiederholung grammatischer Regeln beginnen. Ausgangspunkt wären konkrete Situationen aus dem beruflichen Alltag, in denen sprachliche Entscheidungen eine erkennbare Rolle spielen.

Die Teilnehmer könnten unterschiedliche Formulierungen analysieren, ihre Bedeutungsunterschiede untersuchen und Alternativen erproben. Anschließend wäre zu reflektieren, welche sprachlichen Mittel unter welchen Bedingungen angemessen erscheinen und wie sie im jeweiligen Gespräch tatsächlich aufgenommen werden.

Der entscheidende Schritt wäre die Übertragung in die Praxis. Erst wenn Menschen die gewonnenen Einsichten in neuen Situationen selbstständig nutzen können, wird aus der Beschäftigung mit Sprache eine Erweiterung ihrer Handlungsfähigkeit.

Dafür müssen nicht zwangsläufig eigenständige Deutschkurse eingerichtet werden. Sprachbildende Elemente lassen sich in fachliche Weiterbildungen, Führungskräfteentwicklung, Beratungstrainings oder kollegiale Lernformate integrieren.

Allerdings sollte diese Integration nicht darin bestehen, den Teilnehmern einige vermeintlich bessere Formulierungen an die Hand zu geben. Vorgefertigte Sätze können Orientierung bieten, ersetzen aber nicht die Fähigkeit, eine Situation selbstständig einzuschätzen.

Ein tragfähiges Angebot müsste deshalb sprachliche Reflexion, Erprobung und Anwendung miteinander verbinden.

Ob sich die sprachliche Handlungsfähigkeit tatsächlich erweitert hat, zeigt sich nicht allein daran, ob jemand bestimmte Ausdrucksweisen kennt. Aussagekräftiger ist, ob Beschäftigte ihre Einwände in neuen Situationen präziser begründen, unterschiedliche Positionen nachvollziehbar darstellen oder Ergebnisse verständlich zusammenfassen können.

Die dafür verwendeten didaktischen Verfahren sind keineswegs neu. Neu wäre vor allem, sprachliche Entwicklung ausdrücklich auch bei Erwachsenen zum Lerngegenstand zu machen, deren Beherrschung des Deutschen bislang als selbstverständlich vorausgesetzt wird.

Eine Aufgabe für die Personalentwicklung

Wer Weiterbildung verantwortet, sollte deshalb nicht nur fragen, welche fachlichen Kenntnisse Beschäftigte für neue Aufgaben benötigen. Ebenso wichtig ist, in welchen Situationen sie dieses Wissen erläutern, vertreten, hinterfragen oder gemeinsam mit anderen weiterentwickeln müssen.

Aus diesen Anforderungen lässt sich ableiten, welche sprachlichen Fähigkeiten bereits vorhanden sind, welche zusätzlichen Handlungsmöglichkeiten sinnvoll wären und wie entsprechende Lerngelegenheiten gestaltet werden könnten.

Daraus folgt keine allgemeine Verpflichtung zu zusätzlichem Sprachunterricht. Nicht jede Tätigkeit verlangt dieselben kommunikativen Fähigkeiten, und nicht jede sprachliche Herausforderung erfordert eine organisierte Weiterbildung.

Wohl aber sollte sprachliche Kompetenz weder als bloße Selbstverständlichkeit noch ausschließlich als individuelles Problem betrachtet werden.

Wer von Beschäftigten erwartet, dass sie ihr Wissen vermitteln, Verantwortung übernehmen und gemeinsam Entscheidungen entwickeln, sollte bei der Qualifizierung auch die sprachlichen Voraussetzungen dieser Tätigkeiten berücksichtigen.

Damit erhält Sprachbildung ihren Platz innerhalb der beruflichen Kompetenzentwicklung, ohne deren andere Dimensionen zu verdrängen.

Die eigene Sprache bleibt eine Bildungsaufgabe

Kehren wir zur Ausgangsbeobachtung zurück.

Wer eine Fremdsprache lernt, wird nach seinem Entwicklungsstand gefragt. Wir erkennen selbstverständlich an, dass sich sprachliche Fähigkeiten mit zunehmender Erfahrung und veränderten Anforderungen weiterentwickeln können.

Wer dagegen mit Deutsch aufgewachsen ist, gilt als deutschsprachig. Diese Feststellung beschreibt seine sprachliche Herkunft. Sie beantwortet jedoch nicht, welche kommunikativen Aufgaben er im Laufe seines Lebens noch bewältigen muss.

Gerade darin liegt eine häufig übersehene Aufgabe der Erwachsenenbildung.

Wir müssen nicht alle Menschen erneut Deutsch lernen lassen. Wir sollten aber anerkennen, dass sich auch innerhalb einer vertrauten Sprache neue Anforderungen stellen und zusätzliche Handlungsmöglichkeiten erschließen lassen.

Sprachbildung ist deshalb mehr als der Erwerb sprachlicher Grundlagen. Sie umfasst ebenso die bewusste Weiterentwicklung der Fähigkeit, Wissen verständlich zu machen, Unterschiede präzise auszudrücken und in wechselnden Situationen angemessen zu handeln.

Die Frage, wie gut jemand Deutsch kann, verliert damit nicht ihre Berechtigung. Sie erhält einen weiteren Maßstab: Nicht allein das bereits Erreichte ist von Bedeutung, sondern auch das, was neue Aufgaben sprachlich verlangen.

Eine Sprache von Kindheit an zu sprechen, bedeutet nicht, in ihr ausgelernt zu haben.

Wer Weiterbildung verantwortet, sollte diese Einsicht nicht nur auf Fremdsprachen beziehen.


QUELLE: Autorin

Daniela Lotzen

Expertin für Sprachbildung und berufliche Handlungsfähigkeit | Autorin & Herausgeberin „Deutsch mal anders“

In unserer Reihe »Standpunkte« bieten wir von Zeit zu Zeit engagierten Akteuren aus den Bereichen Weiterbildung, Personalentwicklung und Wissensmanagement die Möglichkeit, sich mit einem aktuellen Thema an unsere Leser zu wenden. Unabhängig vom jeweiligen Inhalt weisen wir darauf hin, dass diese Artikel ausschließlich die Meinung des jeweiligen Autors wiedergeben und nicht zwangsläufig mit der Auffassung der Redaktion in Einklang zu bringen sind. 


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