Verfälschte Arbeitszeiten: Wie der Mindestlohn umgangen wird

IAQ Standpunkte

Der gesetzliche Mindestlohn erhöhte das Einkommen vieler schlechtbezahlter Minijobber deutlich. Das hat bisher allerdings nur begrenzt dazu geführt, dass geringfügige Beschäftigung in reguläre Arbeit umgewandelt wurde, wie es arbeitsmarkt- und sozialpolitisch gewünscht ist. Während die Zahl der geringfügig Hauptbeschäftigten seit 2014 leicht gesunken ist, stieg die der Nebenjobs von 2,4 auf mehr als 2,5 Millionen im Jahr 2015 an. Das zeigen neue Berechnungen des Instituts Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen (UDE).

Wie Prof. Dr. Gerhard Bäcker im aktuellen IAQ-Standpunkt ausführt, überschreiten die Einkommen durch den Mindestlohn jedoch schnell die Geringfügigkeitsschwelle von 450 Euro. Bei 8,50 Euro Stundenlohn darf die Arbeitszeit maximal 52,9 Stunden monatlich bzw. 12,3 wöchentlich betragen, damit der Arbeitnehmer keine Steuern und Sozialversicherungsbeiträge zahlen muss. Arbeitet er mehr, vermindern die dann fälligen Steuern und Beiträge sein Nettoeinkommen drastisch: Einem Nebenjobber, der beispielsweise 451 Euro verdient, werden dann nur noch 302 Euro auf sein Konto überwiesen. Auf 450 Euro kommt er erst wieder bei einem Bruttoeinkommen von 720 Euro (Steuerklasse VI).

»Dadurch gibt es offenbar große Anreize, die Stundenzahl fehlerhaft anzugeben«, vermutet Professor Bäcker. Die Arbeitgeber können Stundenlöhne unterhalb des Mindestlohns zahlen und die Beschäftigten nehmen das hin, weil sie so keine Einbußen haben. »Diese Konstellation verhindert einen Ausbruch aus dem ‚gläsernen Gefängnis‘ der Minijobs, der für die Beschäftigten längerfristig vorteilhaft wäre«. Deshalb müsse die Arbeitszeit unbedingt dokumentiert und wirksam kontrolliert werden. »Das Grundproblem aber lässt sich nur durch die überfällige Neuregelung der geringfügigen Beschäftigung wie auch des Steuerrechts lösen«.

 

 

 

Das könnte Sie auch interessieren...

Teilzeit wächst, Vollzeit schrumpft: IAQ-Arbeitszeitmonitor 2026 Die Wochenarbeitszeit in Deutschland hat sich eingependelt. Seit 2023 liegt sie bei durchschnittlich 34,6 Stunden. Hinter dem ruhigen Mittelwert verschieben sich die Gewichte jedoch …

Zehn Jahre Arbeitszeitbefragung: Teilzeit wächst, Homeoffice-Wunsch wächst schneller Die Wochenarbeitszeit in Deutschland hat sich in den vergangenen zehn Jahren kaum bewegt. Unter der Oberfläche verschiebt sich aber einiges. Teilzeitkräfte …

IAQ-Report: Ältere gehen gegen den Trend und arbeiten länger Schon die Ampelregierung setzte im Kampf gegen den Fachkräftemangel auf Ältere, vor allem auf ältere Frauen: Sie sollen mehr und länger arbeiten. Ob dieses Kalkül aufgeht, beleuchtet …

Kein Anspruch auf finanziellen Ausgleich bei individueller Überschreitung der Wochenarbeitszeit eines Schulleiters Ein Schulleiter, der über die regelmäßige Arbeitszeit hinaus Dienst verrichtet, weil er dies zur ordnungsgemäßen Bewältigung seiner …