Gemeinschaftsdiagnose Herbst 2026: Aufschwung ohne Schwung

Aufschwung mit Rissen: Was die Gemeinschaftsdiagnose über KI, Arbeitsmarkt und Digitalisierung verrät
Ein Aufschwung, der seinen Namen kaum verdient – so lässt sich die 153. Gemeinschaftsdiagnose zusammenfassen, die DIW, ifo, IWH, Kiel Institut und RWI am 24. September unter dem Titel »Aufschwung mit Strukturproblemen – Finanzpolitik auf Abwegen« vorgelegt haben.
Zwar wachse die deutsche Wirtschaft seit Ende 2025 wieder, das Tempo bleibe jedoch historisch schwach. Das preisbereinigte Bruttoinlandsprodukt dürfte 2026 um 1,3 Prozent zulegen, 2027 um 1,1 Prozent, 2028 nur noch um 0,4 Prozent.
Gegenüber dem Frühjahrsgutachten heben die Institute ihre Prognose zwar deutlich an, betonen aber zugleich: Der demografiebedingte Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials setze der Erholung enge Grenzen.
KI als globaler Konjunkturmotor
Besonders ausführlich widmet sich das Gutachten dem weltweiten Boom um Künstliche Intelligenz. Der Ausbau von Rechenzentren und die dafür nötige Energieinfrastruktur beflügelten die Industrieproduktion vor allem in den USA und in Asien, wo Taiwan und Südkorea eng in die entsprechenden Wertschöpfungsketten eingebunden seien.
Ein eigener Kasten ordnet die längerfristige Bedeutung ein: Generative KI werde einen Großteil der geistigen Arbeit, die derzeit noch von Menschen verrichtet werde, obsolet machen. Ökonomisch liege ihr Gewicht künftig vor allem in Produktivitätsgewinnen und einer strukturell veränderten Arbeitsnachfrage – langfristig hebe dies das globale Produktionspotenzial.
Sichtbar werde der Boom an den Börsen: Der Anteil der sogenannten »Magnificent Seven« am US-Index S&P 500 sei seit 2022 von knapp 20 auf über 30 Prozent gestiegen, ihre Bewertung habe sich mehr als verdreifacht. Auch die deutsche Exportwirtschaft habe im ersten Halbjahr überraschend stark vom KI-Boom profitiert, etwa über die Ausfuhr von Datenverarbeitungsgeräten, den Bau von Rechenzentren und IT-Dienstleistungen.
Die Institute warnen jedoch vor Risiken: Sollten sich die hinter den hohen Unternehmensbewertungen stehenden Gewinnerwartungen als zu optimistisch erweisen, drohe eine scharfe Neubewertung, die über sinkende Investitionen und Vermögenseffekte auch die Realwirtschaft träfe.
Arbeitsmarkt hinkt dem Aufschwung hinterher
Ganz anders das Bild hierzulande: Am Arbeitsmarkt komme die Erholung nur verzögert an. Die Erwerbstätigkeit dürfte im Jahresdurchschnitt 2026 deutlich und 2027 nochmals leicht sinken, ehe sie 2028 wieder zunehme – von rund 45,9 Millionen Erwerbstätigen im Jahr 2025 auf etwa 45,6 Millionen in den beiden Folgejahren. Die Arbeitslosenquote liege 2026 voraussichtlich bei 6,4 Prozent und sinke erst 2027 und 2028 auf 6,2 beziehungsweise 5,8 Prozent.
Verantwortlich sei vor allem das schrumpfende Erwerbspersonenpotenzial – ein Trend, der laut Gutachten schon in der seit anderthalb Jahren rückläufigen Erwerbstätigkeit sichtbar werde. Verschärft werden könnte der ohnehin wachsende Arbeitskräftemangel, sollte politische Unsicherheit qualifizierte ausländische Beschäftigte künftig von einem Zuzug abhalten, mahnen die Institute mit Blick auf jüngste Landtagswahlergebnisse.
Bei den Löhnen zeichnet sich immerhin eine Verschnaufpause ab: Die Lohnstückkosten sollen 2026 nur noch um 2,1 Prozent steigen, nach 4,3 Prozent im Vorjahr, ehe sie 2027 und 2028 wieder anziehen.
Strukturreformen bleiben Fehlanzeige
Als eigentliches Strukturproblem benennen die Institute weniger Technologie oder Demografie als die Finanzpolitik selbst. Milliardenschwere Ausgaben für Verteidigung und Infrastruktur stützten zwar den Aufschwung, grundlegende Reformen, die den demografiebedingten Anstieg der Sozialversicherungsbeiträge dämpfen und die Investitionsneigung der Unternehmen verbessern könnten, zeichneten sich hingegen nicht ab.
Das staatliche Finanzierungsdefizit dürfte von 4,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts 2026 auf 4,7 Prozent im Jahr 2028 steigen. Digitalisierung und Künstliche Intelligenz mögen der Weltkonjunktur derzeit kräftig Auftrieb geben – die strukturellen Weichenstellungen für einen tragfähigen deutschen Aufschwung, so das Fazit der Gemeinschaftsdiagnose, stehen weiterhin aus.
In aller Kürze
Die Gemeinschaftsdiagnose hebt ihre BIP-Prognose an, warnt aber: Der KI-Boom treibt die Weltkonjunktur, während der deutsche Arbeitsmarkt demografiebedingt hinterherhinkt und Strukturreformen ausbleiben.
VERWEISE
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