Mehrsprachige Weiterbildung: Warum Lernvideos die Sprache der Belegschaft sprechen müssen

Tristan EilenburgEin Beitrag aus unserer »Standpunkte«-Reihe von Tristan Eilenburg, Mannheim.

Gut ein Viertel aller abhängig Beschäftigten in Deutschland hatte 2025 eine Einwanderungsgeschichte, so das Statistische Bundesamt. In der Pflege, in der Logistik, in Hotellerie und Gastronomie liegt der Anteil vielerorts deutlich höher. Die betriebliche Weiterbildung hat darauf bisher kaum reagiert. Lernvideos, E-Learning-Module und aufgezeichnete Schulungen entstehen fast ausnahmslos auf Deutsch, und Personalisierung endet dort, wo die Sprache beginnt.

Das ist kein Randproblem der Integration, sondern eine Frage der Wirksamkeit. Eine Schulung, die nicht verstanden wird, ist eine abgehakte Schulung, keine absolvierte.

Das Problem hinter der Abschlussquote

Lernplattformen messen, was sich messen lässt: Aufrufe, Abschlüsse, Testergebnisse. Sprachbarrieren tauchen in diesen Zahlen nicht als eigene Größe auf. Sie verstecken sich in Mustern, die man leicht als Inhaltsproblem deutet. Ein Modul wird an derselben Stelle abgebrochen, an der die Fachsprache dichter wird. Ein Test fällt an einem Standort schlechter aus als an anderen. Eine Frage wird besonders oft falsch beantwortet, weil sie ein bestimmtes Wort abfragt und nicht den Sachverhalt dahinter.

Wer solche Daten nach Sprach- oder Standortgruppen aufschlüsselt, sieht das Muster meist schon im ersten Berichtszeitraum. Wer es nicht tut, optimiert Inhalte, die eigentlich funktionieren, und übersieht die Barriere, die tatsächlich wirkt.

Pflichtschulungen zuerst

Kaum ein Weiterbildungsbudget reicht, um einen ganzen Katalog auf einmal mehrsprachig aufzubereiten. Die Reihenfolge entscheidet deshalb über den Nutzen. Am Anfang stehen nicht die beliebtesten Kurse, sondern die mit dem höchsten Risiko: Arbeitsschutz, Hygiene, Datenschutz, Compliance und das Onboarding, das jede neue Mitarbeiterin und jeder neue Mitarbeiter durchläuft. Hier wird eine Sprachlücke zum betrieblichen Risiko, nicht nur zu einer schwachen Kennzahl.

Ein Beispiel aus der Hotellerie zeigt, wie konsequent das gedacht werden kann. Der Anbieter MyHotelHub stellt Hotels Pflichtschulungen als Videos mit Tests und Nachweisen bereit. Die Zielgruppe sind Häuser mit hoher Fluktuation und Teams aus vielen Nationen. Von Beginn an war klar, dass eine Schulung nur zählt, wenn jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter sie versteht. Heute liegen die 50 Pflichtschulungen in 20 Sprachen vor, jeweils mit Untertiteln und Sprachspur, und die Mitarbeitenden wählen ihre Sprache direkt im Video.

Untertitel oder Sprachspur

Die häufigste Frage ist nicht, ob übersetzt wird, sondern wie weit. Untertitel sind schnell und günstig. Sie tragen Inhalte, bei denen das Bild die Arbeit macht, etwa eine Softwareschulung oder eine Handgriff-Anleitung. Eine Auswertung von mehr als 100 Studien zeigt zudem, dass Untertitel in der Sprache des Videos gerade Lernenden helfen, die diese Sprache noch erwerben.

Eine Sprachspur lohnt sich dort, wo Lernende nicht auf eine Untertitelzeile schauen können, auf der Station, im Lager, am Band. Und sie lohnt sich dort, wo die Lesekompetenz in jeder angebotenen Sprache begrenzt ist. Wenn beide Spuren aus demselben geprüften Transkript entstehen, ist die zweite Spur kaum teurer als die erste. Dann muss die Entscheidung nicht mehr pro Kurs getroffen werden. Untertitel dienen zugleich der Barrierefreiheit für hörgeschädigte Beschäftigte und allen, die ohne Ton lernen.

Der eigentliche Kostentreiber ist die Pflege

Die erste Übersetzung ist selten das Problem. Teuer wird die zweite, dritte und zehnte Aktualisierung. Ändert sich eine Vorschrift, eine Maschine oder ein Ablauf, muss jede Sprachfassung nachziehen. Wer jede Sprache als eigenständige Produktion behandelt, startet dann den ganzen Prozess für jede Sprache neu. Bei MyHotelHub war genau das der Grund, klassische Übersetzungs- und Sprecherproduktionen früh auszuschließen: Jede Gesetzesänderung hätte bei 50 Schulungen und 20 Sprachen tausend Fassungen berührt.

Tragfähig ist ein anderer Ansatz. Die geprüfte Originalfassung ist die Quelle, alle Sprachfassungen werden aus ihr abgeleitet, und Änderungen laufen von der Quelle in alle Sprachen, nicht umgekehrt. Ein verbindliches Glossar je Kurs, gepflegt von einer verantwortlichen Person, verhindert, dass derselbe Fachbegriff in drei Modulen dreimal anders übersetzt wird. Einen Überblick zur Lokalisierung von Lernvideos (englisch) mit den typischen Arbeitsschritten gibt es für alle, die tiefer einsteigen möchten.

Was Weiterbildungsverantwortliche jetzt tun können

  • Den Katalog nach Sprache prüfen, nicht nur nach Thema. Welche Kurse gibt es in welchen Sprachen, und wo arbeiten die Lernenden tatsächlich?
  • Mit den Pflichtschulungen beginnen. Arbeitsschutz, Compliance und Onboarding haben den größten Hebel.
  • Änderungshäufigkeit mitdenken. Kurse, die sich oft ändern, brauchen einen Ablauf, in dem die Sprachfassungen der Originalfassung folgen.
  • Verstehen messen, nicht nur Abschlüsse. Testergebnisse nach Sprachgruppen auswerten und Auffälligkeiten an einzelnen Formulierungen ernst nehmen.

Personalisierte Weiterbildung, die Rolle, Vorwissen und Lerntempo berücksichtigt, aber die Sprache als feste Größe behandelt, lässt die wichtigste Variable aus. Für ein Viertel der Beschäftigten ist sie die Voraussetzung dafür, dass Lernen überhaupt stattfindet.


Tristan Eilenburg ist Head of Growth bei der alugha GmbH in Mannheim.

Das Unternehmen betreibt seit 2014 eine Plattform für mehrsprachiges und barrierefreies Video, die Unternehmen, Bildungsanbieter und öffentliche Einrichtungen für Schulungs- und Informationsvideos nutzen.

In unserer Reihe »Standpunkte« bieten wir von Zeit zu Zeit engagierten Akteuren aus den Bereichen Weiterbildung, Personalentwicklung und Wissensmanagement die Möglichkeit, sich mit einem aktuellen Thema an unsere Leser zu wenden.
Unabhängig vom jeweiligen Inhalt weisen wir darauf hin, dass diese Artikel ausschließlich die Meinung des jeweiligen Autors wiedergeben und nicht zwangsläufig mit der Auffassung der Redaktion in Einklang zu bringen sind. 

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