KI macht Arbeit schneller

Markus BockhorniQuelle: AutorEin Beitrag aus unserer »Standpunkte«-Reihe von Markus Bockhorni, Hallbergmoos.

KI macht Arbeit schneller. Aber wer sorgt dafür, dass Menschen besser werden?

Künstliche Intelligenz ist in vielen Unternehmen längst vom Experiment zum Arbeitswerkzeug geworden. Texte entwerfen, Informationen zusammenfassen, Ideen strukturieren, Varianten erstellen oder umfangreiche Unterlagen verdichten: Aufgaben, für die Beschäftigte früher viel Zeit benötigten, lassen sich heute erheblich unterstützen.

Die wirklich spannende Frage lautet deshalb nicht mehr: Was kann KI?

Sie lautet: Was müssen Menschen künftig können, wenn KI immer mehr kann?

Damit wird künstliche Intelligenz zu einem Thema für Personalentwicklung und Führung. Denn wenn sich Tätigkeiten verändern, müssen sich auch Kompetenzprofile, Weiterbildung und Lernwege verändern. Unternehmen sollten dabei einen Fehler vermeiden: Effizienzgewinne mit Kompetenzgewinn zu verwechseln.

KI-Nutzung ist noch keine KI-Kompetenz

Ein KI-System bedienen zu können, bedeutet noch lange nicht, souverän damit arbeiten zu können. Diese Unterscheidung wird für Unternehmen entscheidend.

In einem LinkedIn-Benchmark gaben 65 Prozent der befragten B2B-Marketer an, KI täglich oder häufiger zu nutzen. Nur 32 Prozent bewerteten ihre eigene Expertise als „extremely good“.

Darin steckt eine wichtige Botschaft für die Personalentwicklung: Nutzung ist nicht gleich Kompetenz.

Wer regelmäßig eine KI um einen Text, eine Zusammenfassung oder eine Analyse bittet, beherrscht damit noch nicht automatisch den professionellen Umgang mit dem Werkzeug. Entscheidend ist vielmehr, ob Beschäftigte gute Aufgabenstellungen formulieren, Ergebnisse fachlich beurteilen, Fehler erkennen, Quellen überprüfen und entscheiden können, wann ein KI-Ergebnis brauchbar ist und wann nicht.

Genau hier verschiebt sich der Weiterbildungsbedarf. Das Erlernen einzelner KI-Werkzeuge dürfte auf Dauer weniger wichtig sein als die Fähigkeit, mit KI gute Ergebnisse zu erarbeiten und diese kritisch zu beurteilen.

Wenn die Maschine produziert, muss der Mensch stärker beurteilen

Bislang war berufliche Kompetenz häufig eng mit der Fähigkeit verbunden, etwas selbst herzustellen: einen Text schreiben, eine Präsentation entwickeln, Informationen recherchieren, eine Analyse erstellen oder Ideen ausarbeiten.

KI verändert dieses Verhältnis.

Ein erster Entwurf kann innerhalb weniger Sekunden entstehen. Eine Gliederung ebenso. Auch Zusammenfassungen, Varianten und Umformulierungen gehören zu den Aufgaben, die KI heute übernehmen oder zumindest stark beschleunigen kann.

Dadurch verschwindet menschliche Arbeit nicht automatisch. Ihr Schwerpunkt verschiebt sich.

Wer nicht mehr jeden ersten Entwurf selbst erstellen muss, muss umso besser beurteilen können, welcher Entwurf der richtige ist. Wer sich Varianten generieren lässt, muss entscheiden können, welche Variante zur Zielgruppe und zur Aufgabe passt. Wer Informationen von einer KI zusammenfassen lässt, muss einschätzen können, ob wesentliche Punkte fehlen oder Aussagen falsch sind.

Aus ausführenden Tätigkeiten werden damit zunehmend steuernde und bewertende Tätigkeiten.

Weiterbildung darf deshalb nicht beim Prompten aufhören

Viele Weiterbildungsangebote rund um künstliche Intelligenz konzentrieren sich zunächst auf Werkzeuge und deren Bedienung. Das ist nachvollziehbar. Beschäftigte benötigen einen praktischen Einstieg.

Auf Dauer reicht das jedoch nicht.

Ein Unternehmen braucht nicht nur Mitarbeitende, die einer KI sagen können, was sie tun soll. Es braucht Menschen, die wissen, was ein gutes Ergebnis ausmacht.

Das wird besonders dort sichtbar, wo künstliche Intelligenz für kommunikative Aufgaben eingesetzt wird. Einen Text generieren zu lassen, ist vergleichsweise einfach. Ihn fachlich einzuordnen, an eine Zielgruppe anzupassen, sprachlich zu verbessern und auf Glaubwürdigkeit zu prüfen, verlangt dagegen weiterhin menschliches Können. Weiterbildung zu Themen wie professionellem Prompt Engineering kann deshalb gerade dann sinnvoll sein, wenn sie nicht beim Einsatz des Werkzeugs stehen bleibt, sondern die Qualität des Ergebnisses in den Mittelpunkt stellt.

Das Kompetenz-Paradox: Wer weniger selbst macht, lernt möglicherweise weniger

Berufliche Erfahrung entsteht nicht allein durch Schulungen. Sie entsteht vor allem dadurch, dass Menschen Aufgaben selbst erledigen, Fehler machen, Rückmeldungen erhalten und mit der Zeit Muster erkennen.

Doch was passiert, wenn gerade einfache Aufgaben zunehmend von KI übernommen werden?

Dieses Problem reicht über einzelne Berufsfelder hinaus.

Viele Aufgaben, die heute als Routine gelten, haben gleichzeitig eine Lernfunktion. Menschen lernen durch Recherche, durch erste Entwürfe, durch Korrekturen und durch die Wiederholung scheinbar einfacher Tätigkeiten.

Automatisiert man diese Arbeit vollständig, spart ein Unternehmen kurzfristig Zeit. Möglicherweise beseitigt es damit aber gleichzeitig einen Teil des bisherigen Lernwegs.

Das führt zu einem Paradox:

Je stärker KI Einstiegsaufgaben übernimmt, desto wichtiger wird die Frage, wie Berufserfahrung künftig überhaupt entstehen soll.

Personalentwicklung kann deshalb nicht nur darauf ausgerichtet sein, vorhandene Arbeit effizienter zu machen. Sie muss neue Lernwege schaffen.

Unternehmen können ihre Weiterbildungsstrategie rund um KI an fünf einfachen Fragen überprüfen:

  1. Welche Tätigkeiten verändern sich gerade tatsächlich?
    Nicht die theoretischen Möglichkeiten von KI sollten Ausgangspunkt sein, sondern der konkrete Arbeitsalltag.

  2. Welche Fähigkeiten werden dadurch weniger gebraucht und welche wichtiger?
    Wenn Produktion einfacher wird, können Bewertung, Auswahl und Qualitätssicherung an Bedeutung gewinnen.

  3. Wie erwerben Berufseinsteiger künftig praktische Erfahrung?
    Wer einfache Tätigkeiten automatisiert, sollte überlegen, welche Lernmöglichkeiten an ihre Stelle treten.

  4. Welche fachlichen Grundlagen dürfen nicht verloren gehen?
    Beschäftigte müssen Ergebnisse beurteilen können, auch wenn sie nicht mehr jeden Arbeitsschritt selbst erledigen.

  5. Welche Verantwortung bleibt ausdrücklich beim Menschen?
    Je relevanter eine Entscheidung oder Veröffentlichung ist, desto klarer sollte geregelt sein, wo menschliche Prüfung und Freigabe notwendig sind.

KI-Kompetenz braucht Fachkompetenz

Dabei gerät ein weiterer Punkt leicht aus dem Blick: Um ein KI-Ergebnis beurteilen zu können, braucht es Wissen. Wer wenig über ein Thema weiß, kann einen fachlichen Fehler in einer überzeugend formulierten KI-Antwort nur schwer erkennen.

Das bedeutet: KI macht Fachwissen nicht überflüssig. In vielen Situationen macht sie es sogar wichtiger.

Weiterbildung sollte deshalb Fachkompetenz und KI-Kompetenz nicht gegeneinander ausspielen. Beschäftigte müssen sowohl ihr Arbeitsgebiet verstehen als auch lernen, wie sie KI darin sinnvoll einsetzen.

Das ist ein wichtiger Unterschied. Die zentrale Zukunftskompetenz lautet nicht „KI bedienen“, sondern fachlich kompetent mit KI arbeiten.

Welche Bestandteile einer Tätigkeit verändern sich durch KI?

Eine Stelle besteht fast immer aus unterschiedlichen Aufgaben. Manche davon sind repetitiv und gut automatisierbar. Andere setzen Erfahrung, Urteilskraft, Kommunikation, Verantwortung oder Kontextwissen voraus.

Eine sinnvolle Personalplanung sollte deshalb Tätigkeiten auseinandernehmen.
• Welche Aufgaben benötigt ein Mensch weiterhin selbst?
• Welche kann KI vorbereiten?
• Wo entsteht durch KI eine neue Kontrollaufgabe?
• Und welche Kompetenzen werden für diese Kontrolle benötigt?

Aus dieser Betrachtung entsteht ein wesentlich differenzierteres Bild als aus der pauschalen Frage, ob eine bestimmte Berufsgruppe „durch KI ersetzt“ wird.

Nicht Stellen für KI fit machen, sondern Menschen

Vielleicht liegt genau darin der wichtigste Perspektivwechsel.

Die Diskussion über künstliche Intelligenz dreht sich häufig um Produktivität. Wie viele Stunden lassen sich sparen? Welche Prozesse werden schneller? Welche Aufgaben können automatisiert werden?

Für eine nachhaltige Personalentwicklung reicht diese Perspektive nicht.

Unternehmen sollten ebenso konsequent fragen, was Beschäftigte lernen müssen, wenn sich ihre Arbeit verändert. Denn kurzfristige Effizienz und langfristige Kompetenzentwicklung sind nicht zwangsläufig dasselbe.

Wer heute jede einfache Aufgabe automatisiert, kann morgen feststellen, dass genau diese Aufgaben Teil des Lernwegs waren, auf dem Fachkräfte ihre Erfahrung aufgebaut haben.

Deshalb braucht die KI-Arbeitswelt nicht weniger Weiterbildung, sondern eine andere Weiterbildung: weniger reine Werkzeugschulung, mehr Urteilsfähigkeit, mehr Fachkompetenz, mehr Qualitätsbewusstsein und mehr Verständnis für das Zusammenspiel zwischen Mensch und Maschine.

Man könnte es für die Personalentwicklung noch etwas pointierter formulieren:

Die entscheidende Zukunftskompetenz besteht nicht darin, mit KI möglichst viel Arbeit abzugeben. Sie besteht darin, genau zu wissen, welche Arbeit man ihr nicht abgeben sollte. 


QUELLE: Autor

Markus Bockhorni ist Gründer und Inhaber der eMBIS-Akademie für Onlinemarketing.

In seinem Fachbuch »Erfolgreich als Online-Marketing-Manager. Auf diese Soft Skills kommt es an – heute und in Zukunft« (Springer Gabler, 2019) widmet er sich dem Thema Lebenslanges Lernen. Als Gastautor ausgewählter Fachportale veröffentlicht er regelmäßig Artikel zu den Themen Onlinemarketing, Weiterbildung und Lebenslanges Lernen.

In unserer Reihe »Standpunkte« bieten wir von Zeit zu Zeit engagierten Akteuren aus den Bereichen Weiterbildung, Personalentwicklung und Wissensmanagement die Möglichkeit, sich mit einem aktuellen Thema an unsere Leser zu wenden. Unabhängig vom jeweiligen Inhalt weisen wir darauf hin, dass diese Artikel ausschließlich die Meinung des jeweiligen Autors wiedergeben und nicht zwangsläufig mit der Auffassung der Redaktion in Einklang zu bringen sind. 

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