
Fachkräftemangel spitzt sich zu – Wie Engpassberufe wieder attraktiv werden
Der Fachkräftemangel bleibt eine der größten Herausforderungen für den deutschen Arbeitsmarkt. Besonders betroffen sind Berufe, in denen qualifizierte Arbeitskräfte knapp sind – die sogenannten Engpassberufe.
Eine Studie des RWI Essen im Auftrag der Bertelsmann Stiftung zeigt, dass berufliche Wechselbewegungen entscheidend dafür sind, ob Betriebe Fachkräfte halten oder verlieren.
Wenn Fachkräfte gehen, bevor neue kommen
Zwischen 2013 und 2019 waren rund 40 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Engpassberufen tätig. Auch 2022 bis 2023 blieb der Anteil mit 36 Prozent hoch. Dennoch verlassen mehr Fachkräfte diese Berufe, als neue hinzukommen.
Während von 2022 auf 2023 etwa 2,3 Prozent ihren Engpassberuf aufgaben, wechselten nur 1,15 Prozent in einen solchen hinein. Das entspricht einem Defizit von rund 24.000 Personen – ein spürbarer Verlust für viele Branchen.
Die Verbleibquote liegt bei knapp 80 Prozent und bleibt damit niedriger als in Nicht-Engpassberufen. Abwanderung und geringe Neuzugänge verschärfen die Engpässe – und damit auch den Druck auf Unternehmen.
Wer bleibt – und wer geht?
Warum Beschäftigte ihren Beruf wechseln oder bleiben, hängt von mehreren Faktoren ab. Die Untersuchung zeigt: Vor allem niedrige Löhne erhöhen das Risiko, dass Fachkräfte ihren Beruf aufgeben. Verdienen Beschäftigte mehr als fünf Prozent unter dem Durchschnitt ihrer Berufsgruppe, sinkt die Verbleibwahrscheinlichkeit um rund drei Prozentpunkte. Männer reagieren etwas stärker auf Einkommensunterschiede als Frauen.
Auch das Alter spielt eine Rolle: Jüngere Beschäftigte wechseln häufiger, während Ältere seltener den Beruf verändern. Frauen unterbrechen ihre Erwerbstätigkeit häufiger – oft aus familiären Gründen. Damit gehen wertvolle Kompetenzen zeitweise oder dauerhaft verloren.
Bezahlung, Zufriedenheit, Perspektiven
Trotz leichter Lohnsteigerungen verdienen Beschäftigte in Engpassberufen im Schnitt deutlich weniger: Der mittlere Tageslohn lag 2022–2023 bei 107 Euro, in Nicht-Engpassberufen dagegen bei 125 Euro. Niedrigere Einkommen und geringere Aufstiegschancen mindern die Attraktivität. Wer keine Entwicklungsperspektive sieht, sucht Alternativen – auch außerhalb des Fachgebiets.
Neben der Bezahlung zählen Arbeitszufriedenheit und Arbeitsplatzsicherheit zu den wichtigsten Bindungsfaktoren. Fehlt beides, wird selbst ein ursprünglich attraktiver Beruf zur Durchgangsstation.
Strukturen mit Verbesserungspotenzial
Engpassberufe sind meist klar umrissene Fachkrafttätigkeiten. Über 70 Prozent der Beschäftigten verfügen über eine abgeschlossene Berufsausbildung. Der Frauenanteil liegt mit 42 Prozent deutlich unter dem anderer Branchen. Teilzeitbeschäftigung nimmt zu, bleibt aber etwas seltener als im Durchschnitt. Zudem sind viele Beschäftigte jünger als in anderen Bereichen – eine Chance, wenn es gelingt, sie langfristig zu halten.
Was Unternehmen jetzt tun können
Damit Engpassberufe attraktiver werden, braucht es mehr als kurzfristige Rekrutierungskampagnen. Betriebe sollten gezielt in bessere Arbeitsbedingungen, faire Entlohnung und Weiterentwicklung investieren. Flexible Arbeitszeiten, klare Karrierepfade und sichtbare Wertschätzung schaffen Bindung.
Auch die Potenziale von Frauen und älteren Beschäftigten sind noch nicht ausgeschöpft. Wer Vereinbarkeit und lebensphasengerechtes Arbeiten ermöglicht, erweitert die Fachkräftebasis. Langfristig zählt, wie gut Unternehmen berufliche Wechsel aktiv gestalten – etwa durch Qualifizierungsprogramme und innerbetriebliche Mobilität. Wer Menschen hält, stärkt nicht nur das eigene Team, sondern auch den Arbeitsmarkt insgesamt.
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