Berufsausbildung gewinnt an Wert
QUELLE: WBS Ein Beitrag aus unserer »Standpunkte«-Reihe von Joachim Giese.
Was die Gehälter über unsere Bildungsdebatte verraten
Unternehmen in Deutschland haben zuletzt 8,6 % weniger Stellen ausgeschrieben als im Vorjahr. Trotzdem stiegen die Gehälter in fast allen Berufsgruppen, im Schnitt um 2 bis 6 %. Das passt nicht zum Bild vom Arbeitsmarkt in der Krise.
Auffälliger ist, wer am stärksten profitiert. Es sind nicht die Akademikerinnen und Akademiker, sondern Fachkräfte mit Berufsausbildung. Das sollte die Bildungsdebatte beschäftigen, denn sie sortiert Bildungswege noch immer gern nach Prestige statt nach Marktwert.
Ausbildung liegt vorn, Führung hinten
Der WBS Job- und Gehaltsreport 2026 wertet gut 10 Millionen Stellenanzeigen aus dem Jahr 2025 aus. Den stärksten Gehaltszuwachs verzeichnen darin Fachkräfte mit Berufsausbildung, im Schnitt 7 %.
Die Übersicht zeigt, wie sich die ausgeschriebenen Gehälter gegenüber dem Vorjahr nach Qualifikationsniveau entwickelt haben.

Das ist kein Randphänomen, denn auf Fachkräfte mit abgeschlossener Berufsausbildung entfällt knapp ein Drittel aller ausgeschriebenen Stellen. In der IT legten ihre Gehälter um 10 % zu, im Personalwesen um 6 %, während die Führungsgehälter dort um 7 % sanken.
Aus dem Plus der Fachkräfte und den sinkenden Führungsgehältern liest der Report eine mögliche Angleichung der Gehaltsstrukturen. Operative Fachkompetenz gewinnt an Wert, Führungsrollen werden in einigen Branchen weniger stark nachgefragt oder neu bewertet.
Akademische Fachkräfte legen ebenfalls zu, im Finanz- und Rechnungswesen um 11 % auf durchschnittlich 69.073 €. Sie verdienen in den meisten Berufsgruppen weiterhin mehr, hier geht es um die Veränderung, nicht um den Abstand.
Im Gesundheitswesen und in sozialen Berufen liegen Fachkräfte mit Berufsausbildung laut Report mit durchschnittlich 47.195 € sogar vor den akademischen Fachkräften (43.296 €). Der Beruf kann das Gehalt stärker prägen als der Abschluss.
Zwischen den Berufsgruppen schwankt das Plus stark. Transport, Verkehr und Logistik ragen mit 15,9 % heraus, technische Berufe legten um 6,6 % zu, Gesundheit und Soziales um 1,5 %. Die Daten legen nahe, dass die Branche mindestens so wichtig sein kann wie die Wahl zwischen Ausbildung und Studium.
Die Richtung bleibt bemerkenswert. Sie widerspricht der Annahme, ein Studium sichere in jeder Lage den größeren Gehaltssprung.
Wie sich steigende Gehälter bei weniger Stellen erklären lassen
Eine mögliche Erklärung liefert der anhaltende Fachkräftemangel. Bei knappem Angebot an qualifizierten Bewerberinnen und Bewerbern wächst deren Verhandlungsposition, und Unternehmen bieten mehr, um offene Stellen zu besetzen. Die Demografie verstärkt das, weil in den kommenden Jahren viele Erwerbstätige in den Ruhestand gehen.
Der Mangel sitzt auf Fachkraft-Niveau
Die meisten Engpässe liegen laut der Fachkräfteengpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit bei Berufen, für die eine abgeschlossene Berufsausbildung nötig ist. Pflege, Bau, Handwerk und Technik gehören dazu.
Wer dort Stellen besetzen will, muss häufig mehr bieten als im Vorjahr. Das kann erklären, warum Fachkräfte mit Berufsausbildung im Report vorn liegen. Ein Automatismus ist es nicht, wie das schwächere Plus in Gesundheit und Soziales zeigt, obwohl dort Personal fehlt.
Gleichzeitig gibt es Berufe, in denen sich Bewerbungen stapeln. Der Mangel trifft also nicht jeden Beruf gleich, oft liegt es an der Passung zwischen Qualifikation, Beruf und Region.
Was die Zahlen nicht zeigen
Ausgewertet wurden ausgeschriebene Gehälter, keine tatsächlich gezahlten. Sie stehen je nach Berufsgruppe nur in 10 bis 33 % der Anzeigen, am häufigsten in Transport, Verkehr und Logistik. Mit mehr Gehaltstransparenz wird das Bild genauer.
Auszubildende sind in den Daten nicht enthalten. Gemeint sind Fachkräfte mit abgeschlossener Ausbildung, die bereits im Beruf arbeiten.
Hinzu kommt die Preisentwicklung. Die Report-Werte sind Nominalwerte, ein Teil des Plus gleicht also die Inflation aus. Wie Reallöhne und Nominallöhne auseinanderlaufen, zeigt die amtliche Statistik.
Die Bildungsdebatte braucht einen zweiten Maßstab
Bildungserfolg wird seit Jahren vor allem an Abiturquoten und Studierendenzahlen gemessen. Das hat seine Berechtigung, denn ein Studium eröffnet Laufbahnen, die ohne Hochschulabschluss kaum möglich wären. Der Arbeitsmarkt verteilt seine Wertschätzung aber breiter, als diese Statistik abbildet. Als zweiten Maßstab bieten sich Gehalt und Beschäftigungschancen an.
Beruflich Qualifizierte tragen Pflege, Bau, Technik und Logistik, und genau dort wird Personal gesucht. Wo die Ausbildung als zweite Wahl gilt, kann es schwerer fallen, Jugendliche für diese Berufe zu gewinnen. Entscheidungen über Ausbildung oder Studium fallen oft im Familienkreis. Auch dort zählt ein offener Blick auf beide Wege mehr als das Bild vom automatisch sicheren Studium. Das ist kein Plädoyer gegen das Studium, sondern für einen vollständigeren Vergleich.
Ein Blick auf die Beschäftigung passt dazu. Bei der Erwerbstätigenquote nach Bildungsstand ist der Abstand zwischen mittleren und hohen Abschlüssen binnen zehn Jahren geschrumpft.

Fachwissen veraltet, wenn es nicht gepflegt wird. Technik, Vorschriften und Arbeitsprozesse ändern sich, und auch gut ausgebildete Fachkräfte müssen mitgehen. Die geplante Reform der Aufstiegsfortbildung soll die Eigenkosten für den beruflichen Aufstieg senken. Vorgesehen sind unter anderem höhere Fördergrenzen für Lehrgangs- und Prüfungsgebühren.
Aufstieg und Studium schließen sich dabei nicht aus. Wer nach der Ausbildung Meisterprüfung oder Technikerabschluss anstrebt, kann in Führungsaufgaben wachsen, und auch der Weg an die Hochschule bleibt offen. Jugendliche sollten diese Durchlässigkeit kennen, bevor sie sich festlegen.
Weiterbildung ist eine Ergänzung zu Ausbildung und Rekrutierung, keine Pauschallösung. Sie kann dort sinnvoll sein, wo Beschäftigte ihr Prozess- und Branchenwissen bereits mitbringen.
Für Betriebe bedeutet das, dass eine besetzte Ausbildungsstelle nicht genügt, wenn die Perspektive danach unklar bleibt. Wer früh zeigt, wie Aufstieg und Spezialisierung im Unternehmen aussehen können, kann im Wettbewerb um Fachkräfte punkten. Denkbar ist etwa ein Handwerksbetrieb, der Gesellinnen und Gesellen früh den Weg zur Meisterprüfung aufzeigt und dafür Lernzeit einplant. Solche Betriebe geben ihrem Nachwuchs einen Grund zu bleiben.
Was Verantwortliche jetzt tun können
Aus den Befunden ergeben sich drei Konsequenzen für Beratung und Betriebe.
- Berufsorientierung mit Daten unterlegen. Gehalt, Gehaltsentwicklung und Beschäftigungschancen von Ausbildung und Studium gehören nebeneinander.
- Gehaltsdaten nach Qualifikation lesen. Durchschnitte über alle Abschlüsse verdecken, welche Gruppe gerade aufholt.
- Entwicklungswege früh sichtbar machen. Wer Engpassberufe besetzt, braucht neben dem Einstiegsgehalt eine Perspektive für Aufstieg und Weiterbildung.
Der Arbeitsmarkt lässt derzeit wenig Raum für einfache Rangordnungen. Die Zahl der Stellen sinkt, die Gehälter beruflich Qualifizierter steigen. Wer Bildungswege an ihren Chancen misst und nicht an ihrem Ruf, berät Jugendliche und Betriebe besser.
Die Zahlen stammen aus dem WBS TRAINING Job- und Gehaltsreport 2026, den index Research im Auftrag der WBS TRAINING SE, der Kerngesellschaft der WBS GRUPPE, erstellt hat. Grundlage sind Stellenanzeigen von rund 967.000 Firmenwebseiten, etwa 400 Online-Jobbörsen und Printmedien sowie der Jobbörse der Bundesagentur für Arbeit.
Erhoben wurde von Januar bis Dezember 2025 im Vergleich zum Vorjahr, doppelte Anzeigen zählen einmal. Die Gehaltswerte beruhen auf Anzeigen mit konkreter Gehaltsangabe, Stellen für Auszubildende, Praktika, Young Professionals und Minijobs sind nicht berücksichtigt.
QUELLE: WBS
Joachim Giese
seit 2016 Vorstand der WBS TRAINING SE, der Kerngesellschaft der WBS GRUPPE. Die Marke WBS TRAINING bietet berufliche Weiterbildungen, Umschulungen sowie Coachings an und gehört zur WBS GRUPPE.
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