OECD veröffentlicht Bericht »Bildung auf einen Blick 2026«

Bildung im Vergleich: Was die OECD über Lehrkräftemangel, Arbeitsmarkt und Bildungsfinanzen sagt
Lehrkräfte fehlen nicht nur in Deutschland, sondern fast überall in der OECD. Der neue Bericht »Education at a Glance 2026« stellt diesen Mangel ins Zentrum und vergleicht daneben, wie Bildungssysteme Abschlüsse, Übergänge, Weiterbildung, Finanzen und Schulorganisation gestalten.
Der Bericht im Überblick
Das Sonderkapitel zum Lehrkräftemangel steht am Anfang. Darauf folgen vier Teile.
Teil A fragt, was Bildung bringt: Bildungsstand, Übergang in den Beruf, Beschäftigung, Einkommen, Weiterbildung und soziale Effekte wie flexible Arbeitszeiten. Teil B beschreibt Zugang und Verlauf, von frühkindlicher Bildung über die Schulnetze und den Übergang in die Sekundarstufe II bis zu internationalen Studierenden.
Teil C legt die Finanzen offen, von den Gesamtausgaben bis zu den Kosten je Kind, Schüler*in und Studierendem. Teil D widmet sich Lehrkräften und Schulorganisation: Betreuungsverhältnisse, Gehälter, Arbeitszeit, Zusammensetzung der Kollegien sowie Schulevaluation und Beurteilung von Lehrkräften und Schulleitungen.
Mangel hat viele Gesichter
Der Lehrkräftemangel zeigt sich nicht allein in leeren Stellen. Im OECD-Schnitt sind 9,1 Prozent der Lehrkräfte in Primar- und Sekundarbereich nicht voll qualifiziert, ihnen fehlt also noch ein Teil der vorgeschriebenen Ausbildung.
Unbesetzte Stellen spielen eine kleinere Rolle: Über beide Stufen hinweg machen sie in keinem Land mehr als 4 Prozent aller Stellen aus. Im Sekundarbereich allein erreichen Lettland und Luxemburg rund 4 Prozent. Dazu kommt, dass der Mangel ungleich verteilt ist. Besonders knapp sind Lehrkräfte für Mathematik und Naturwissenschaften sowie an Schulen in ländlichen, abgelegenen und benachteiligten Regionen.
Auch Ausfälle belasten den Schulbetrieb: In Österreich war 2024/25 rund jede neunte voll qualifizierte Lehrkraft länger als zwei Monate vorübergehend abwesend, etwa wegen Elternzeit.
Die Altersstruktur verschärft die Lage. Im Sekundarbereich ist jede vierte Lehrkraft 55 Jahre oder älter. Die Zufriedenheit im Beruf ist hoch (85 Prozent), das Ansehen aber gering: Nur 22 Prozent der Lehrkräfte glauben, dass die Gesellschaft ihre Arbeit wertschätzt.
Die OECD versteht den Mangel zudem als Teil eines größeren Problems. In mehr als der Hälfte der Länder mit Daten sind in der Gesamtwirtschaft anteilig mehr Stellen unbesetzt als im Lehrberuf, auch wenn sich die Quoten nur eingeschränkt vergleichen lassen. Empfohlen werden mehr Quereinstiege und eine gezieltere Verteilung vorhandener Kapazitäten. Denn die Zahl der 5- bis 14-Jährigen sinkt bis 2033 im Schnitt um 9 Prozent, ohne dass Lehrkräfte und Klassen bisher im selben Maß abgebaut wurden.
Deutschland im Vergleich
In Deutschland gelten 18,6 Prozent der Lehrkräfte im Primar- und Sekundarbereich als nicht voll qualifiziert (Schuljahr 2023/24). Damit liegt das Land weit über dem OECD-Schnitt von 9,1 Prozent und gehört zusammen mit Chile, Dänemark und Estland zu den vier Ländern mit einem Anteil von mehr als 18 Prozent.
Als Gründe nennt die OECD zwei mögliche Faktoren: Der Weg zur vollen Lehrbefähigung dauert lang, denn nötig sind ein Masterabschluss und ein Referendariat von durchschnittlich 18 Monaten. Zugleich springen weiterhin Lehrkräfte auf alternativen Wegen ein, um den Mangel aufzufangen. In die Zahl fließen auch Aushilfen ein, die neben dem Studium unterrichten. Ebenso zählen Fachlehrkräfte an berufsbildenden Schulen nicht als voll qualifiziert, obwohl sie es nach deutschem Recht sind. Ohne sie läge der Anteil etwas niedriger.
Wie stark der Mangel den Alltag prägt, zeigt eine Befragung von Schulleitungen im Rahmen von PISA 2022: 55 Prozent der 15-jährigen Schüler*innen besuchen Schulen, deren Leitung angibt, dass die Abwesenheit von Lehrkräften das Lernen beeinträchtigt. Das ist der zweithöchste Wert im OECD-Raum, der Durchschnitt liegt bei 27 Prozent.
Auch beim Gehalt fällt der Vergleich nüchtern aus. Die Lehrergehälter zählen in Deutschland weiterhin zu den höchsten der OECD. Doch inflationsbereinigt sanken die Gehälter im Sekundarbereich I bei 15 Jahren Berufserfahrung zwischen 2015 und 2025 um 1 Prozent. Im OECD-Schnitt stiegen sie im gleichen Zeitraum um 6 Prozent.
Was Bildung wert ist
Der Arbeitsmarkt belohnt Abschlüsse weiterhin. Im OECD-Schnitt sind 60 Prozent der 25- bis 64-Jährigen ohne Abschluss der Sekundarstufe II erwerbstätig, mit Sekundarabschluss 78 Prozent, mit Tertiärabschluss 87 Prozent. Wer die Sekundarstufe II nicht abschließt, verdient bei ganzjähriger Vollzeit im Schnitt 31 Prozent weniger als der Durchschnitt aller Beschäftigten. Wer einen Tertiärabschluss hat, verdient 54 Prozent mehr als Menschen mit Sekundarabschluss, bei Master und Promotion sind es 80 Prozent.
Neu ist eine Trendwende: Zwischen 2023 und 2025 stieg die Arbeitslosigkeit junger Erwachsener (25 bis 34 Jahre) mit Tertiärabschluss um 0,4 Punkte, während sie bei Sekundarabschlüssen um 0,2 Punkte sank. Für einen dauerhaften KI-Effekt sieht die OECD bislang nur begrenzte Belege und rät, die Lage genau zu beobachten.
Auch beim Weiterlernen hängen Chancen am Ausgangsniveau. 61 Prozent der Erwachsenen mit frisch erworbenem Abschluss nehmen an Weiterbildung teil, bei älteren Abschlüssen sind es 43 Prozent. Erwerbstätige lernen mit 49 Prozent deutlich häufiger weiter als Arbeitslose (34 Prozent) oder Nichterwerbspersonen (17 Prozent).
Früh beginnen, Klassen und Unterrichtszeit
Ab drei Jahren besuchen im OECD-Schnitt 90 Prozent der Kinder frühkindliche Angebote, bei Zweijährigen sind es 63 Prozent. Wo die Elternzeit endet, aber noch kein Betreuungsanspruch beginnt, klafft eine Lücke, im Schnitt von rund zwei Jahren.
Im Schulalter liegt die Klassengröße bei 21 Kindern im Primarbereich und 23 im Sekundarbereich I. Lehrkräfte unterrichten laut Vorgaben 770 beziehungsweise 710 Stunden im Jahr.
Wohin das Geld fließt
Die OECD-Länder gaben 2023 im Schnitt 9,8 Prozent der Staatsausgaben für Bildung aus, das sind 4,2 Prozent des BIP.
Zwei Drittel der Ausgaben in Bildungseinrichtungen gehen in Personal. Gerade deshalb fällt jede Gehaltsfrage doppelt ins Gewicht: Lehrkräfte verdienen im Schnitt zwischen 87 und 95 Prozent dessen, was andere Tertiärabsolvent*innen bekommen. Ihre gesetzlichen Startgehälter stiegen von 2015 bis 2025 real um 18 bis 20 Prozent.
Studieren über Grenzen
Internationale Studierende stellen 11 Prozent der Neueinsteiger*innen im Bachelor, 24 Prozent im Master und 34 Prozent in der Promotion. Deutschland wächst hier: Der Anteil internationaler Studierender an allen Studierenden stieg von 7 auf 13 Prozent, Indien ist das wichtigste Herkunftsland.
In aller Kürze
Die OECD sieht den Lehrkräftemangel als Teil eines allgemeinen Fachkräftemangels: 9,1 Prozent der Lehrkräfte sind nicht voll qualifiziert, in Deutschland 18,6 Prozent. Bildung zahlt sich aus, Weiterbildung erreicht aber nicht alle.
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