RWI-Studie: Kinder aus benachteiligten Gruppen erhalten bessere Noten

Lehrkräfte bewerten Kinder mit Migrationshintergrund positiver als standardisierte Tests vermuten lassen
Eine aktuelle Studie des RWI - Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung und der Universität Duisburg-Essen (UDE) zeigt, dass Lehrer in Deutschland Kinder mit Migrationshintergrund in anonymen standardisierten Tests im Durchschnitt besser bewerten, als es ihre Leistungen vermuten lassen würden.
Dies könnte darauf hindeuten, dass Lehrkräfte versuchen, soziale Benachteiligungen durch eine wohlwollendere Benotung auszugleichen.
Bildungsbenachteiligung und sozialer Ausgleich
In vielen OECD-Ländern schneiden Kinder aus Migrantenfamilien in der Schule schlechter ab als ihre Altersgenossen ohne Migrationshintergrund. Diese Unterschiede sind häufig auf einen niedrigeren sozioökonomischen Status oder migrationsspezifische Faktoren wie Sprachdefizite zurückzuführen.
Die RWI-/UDE-Studie untersucht insbesondere, ob Diskriminierung durch Lehrkräfte zur Bildungsungleichheit in Deutschland beiträgt.
Fazit der Studie: Keine systematische Benachteiligung
Die Analyse zeigt, dass Kinder mit Migrationshintergrund zwar im Durchschnitt schlechtere Noten erhalten als Kinder ohne Migrationshintergrund. Im Vergleich zu anonymen Tests bewerten die Lehrkräfte Kinder mit Migrationshintergrund jedoch positiver. Dies gilt auch für Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern.
Im Fach Deutsch beispielsweise verringern die Lehrkräfte die Unterschiede um durchschnittlich 0,23 Notenpunkte, in Mathematik um 0,21 Punkte - eine Differenz von etwa 5 bis 6 Prozent.
Besonders ausgeprägt ist diese Tendenz in Klassen mit vielen leistungsschwachen oder sozial benachteiligten Schülerinnen und Schülern. Diese Bewertungspraxis könnte soziale Benachteiligungen teilweise kompensieren.
Positive Wirkungen und mögliche Risiken
Prof. Dr. Julia Bredtmann (RWI) betont, dass die Ergebnisse der Studie keine systematische Diskriminierung bei der Notenvergabe belegen. Vielmehr scheinen Lehrkräfte durch ihre Notengebung soziale Unterschiede abzuschwächen.
Ob sich diese Praxis langfristig positiv auf den Bildungserfolg auswirkt, sei allerdings unklar. Einerseits könnten bessere Noten die Chancen auf weiterführende Bildung und berufliche Perspektiven erhöhen. Andererseits könnten sie auch unbeabsichtigte negative Folgen haben, etwa wenn sie auf niedrigen Erwartungen der Lehrkräfte beruhen und dadurch das Leistungspotenzial der Kinder nicht voll ausgeschöpft wird.
Hintergrund
Die Studie basiert auf repräsentativen Daten von Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufen 4 und 9, die das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB) seit 2008 erhebt. Sie gibt Einblicke in die Bewertungspraxis von Lehrkräften und deren mögliche Auswirkungen auf die Bildungsungleichheit in Deutschland.
Wissenschaftliche Ansprechpartnerin:
Prof. Dr. Julia Bredtmann,
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